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International

Mexiko: Kiffen legal, Verkauf illegal – Willkommen im Cannabis-Limbo

Satirische Illustration: Ein mexikanischer Cannabis-Shop mit 'Gift Economy'-Modell, T-Shirts als Tarnung für Cannabis-Verkauf
Mexikos Cannabis-Graumarkt: Legal und illegal zugleich – ein einzigartiges Experiment ohne Regulierung.

In Mexico City riecht es nach Veränderung. In hell erleuchteten Shops wie "Hierba Verde" in Roma Norte stehen Gläser voller Cannabis-Blüten neben modernen Zahlungsterminals. Ein "Budtender" erklärt Terpene und THC-Prozente. Es sieht aus wie ein Dispensary in Los Angeles – ist es aber nicht. Willkommen im größten Cannabis-Graumarkt-Experiment der Welt. Mexikos Oberster Gerichtshof hat 2021 den Freizeitkonsum entkriminalisiert, doch der Kongress hat nie ein Gesetz verabschiedet. Die Folge: Ein bizarres "Gift Economy"-Modell, Amparo-Permits und ein Chaos, das 68% der Mexikaner beenden wollen – durch echte Legalisierung.

Die wichtigsten Punkte

  • Oberster Gerichtshof entkriminalisiert: Am 29. Juni 2021 hat Mexikos Supreme Court in einer 8-3-Entscheidung den Freizeitkonsum von Cannabis entkriminalisiert. Erwachsene dürfen bis zu 28 Gramm besitzen und bis zu 6 Pflanzen anbauen. Wikipedia: Cannabis in Mexico
  • Kein Gesetz verabschiedet: Der mexikanische Kongress hat bislang keine umfassende Regulierung verabschiedet. Kommerzialisierung bleibt illegal. Buchanan Ingersoll
  • Amparo als Schlüssel: Tausende Mexikaner haben erfolgreich "Amparo"-Rechtsbehelfe beantragt – legale Dokumente, die sie vor Strafverfolgung schützen. Der Amparo erlaubt Besitz, Transport und Konsum. Yucatán Magazine
  • "Gift Economy"-Modell: Shops wie "Hierba Verde" in Mexico City operieren als Members-Only-Clubs: Man zahlt für ein T-Shirt oder eine Mitgliedschaft – Cannabis kommt als "Geschenk". Die Transaktion ist transparent, das Produkt wird getestet. Yucatán Magazine
  • 68% fordern echte Legalisierung: Laut einer Umfrage von 2025 unterstützen 68% der Mexikaner die vollständige Legalisierung – ein Anstieg von 15% gegenüber 2020. ElevenTHC

Was ist passiert?

Die Geschichte beginnt 2018. Damals erklärte Mexikos Oberster Gerichtshof das generelle Verbot von Cannabis-Konsum für verfassungswidrig. Der Kongress hatte 90 Tage Zeit, ein Gesetz zu verabschieden. Die Frist wurde mehrfach verlängert – und verfiel schließlich am 30. April 2021.

Illustration: Mexikanische Cannabis-Clubs, Amparo-Dokumente und Graumarkt-Strukturen
Amparo-Permits und Cannabis-Clubs: Mexikos kreative Lösung für ein nicht existierendes Gesetz.

Am 29. Juni 2021 griff der Supreme Court erneut ein. In einer 8-3-Entscheidung erklärte das Gericht die Cannabis-Prohibition für verfassungswidrig und ordnete eine "Declaration of Unconstitutionality" an. Die Folge: Cannabis-Konsum ist nicht mehr strafbar. Erwachsene dürfen bis zu 28 Gramm besitzen, transportieren und konsumieren. Bis zu 6 Pflanzen dürfen angebaut werden (8 Pflanzen bei Haushalten mit mehr als 2 Erwachsenen).

Doch es gibt einen gewaltigen Haken: Verkauf, Großproduktion und Kommerzialisierung bleiben illegal. Es gibt kein Gesetz, das regelt, wie Cannabis legal erworben werden kann. Der Kongress hat bis heute keine umfassende Regulierung verabschiedet.

Der Amparo: Mexikos Cannabis-Pass

Der "Amparo" ist ein mexikanisches Rechtsinstrument, das Einzelpersonen vor verfassungswidrigen Gesetzen schützt. Nach dem Supreme-Court-Urteil begannen Tausende Mexikaner, Amparos für Cannabis-Konsum zu beantragen. Der Amparo erlaubt Besitz, Transport und Konsum – nicht aber den Verkauf. Es ist ein persönlicher Freifahrtschein, der aber keine kommerzielle Nutzung abdeckt. Yucatán Magazine

Die "Gift Economy": Cannabis als Geschenk

Die Folge dieser rechtlichen Grauzone ist ein einzigartiges Modell: die "Gift Economy". Shops wie "Hierba Verde" in Mexico City's Roma Norte operieren unter einem Members-Only-System. Man zahlt für eine Mitgliedschaft oder ein Produkt wie ein T-Shirt – und Cannabis kommt als "Geschenk" dazu.

Das klingt absurd, ist aber rechtlich clever: Der Verkauf von Cannabis bleibt illegal. Das "Schenken" von Cannabis ist es nicht. Die Transaktion ist transparent, die Produkte werden getestet, die Umgebung ist professionell. Es ist ein Dispensary in allem außer dem Namen.

In Guadalajara gibt es ein anderes Modell: Private Clubs wie "Cannabis Club GDL" operieren als geschlossene Gesellschaften. Der Eintritt erfordert ein Amparo oder ein medizinisches Rezept. Drinnen herrscht eine entspannte, soziale Atmosphäre – ähnlich den spanischen Cannabis-Clubs. Events, Bildungs-Workshops und Harm-Reduction-Programme gehören zum Angebot.

Über 150.000 medizinische Patienten

Medizinisches Cannabis ist in Mexiko seit 2017 legal – allerdings nur mit einem THC-Gehalt unter 1%. Ärzte dürfen Cannabis-basierte Behandlungen für Epilepsie, Krebs oder Multiple Sklerose verschreiben. 2025 profitieren über 150.000 Patienten von diesen Behandlungen – 20% mehr als 2023. Der CBD-Markt ist in den letzten zwei Jahren um 30% gewachsen. ElevenTHC

Warum das wichtig ist

Mexiko ist ein gigantisches Experiment. Es zeigt, was passiert, wenn Cannabis-Legalisierung ohne Regulierung kommt. Die Ergebnisse sind gemischt:

Die Vorteile:

  • Konsumenten werden nicht mehr kriminalisiert
  • Der Schwarzmarkt wird durch transparente Shops verdrängt
  • Produkte werden getestet – keine Verunreinigungen oder synthetische Cannabinoide
  • Eine Cannabis-Kultur entsteht ohne staatliche Kontrolle

Die Nachteile:

  • Keine Steuern – der Staat verdient nichts
  • Keine klaren Regeln – rechtliche Unsicherheit für alle Beteiligten
  • Keine Qualitätskontrollen durch Behörden
  • Kartelle kontrollieren weiterhin große Teile des Marktes

Für Josefina, eine Grafikdesignerin in Cancún, war der Amparo ein "Game-Changer". "Früher war der Kauf eine nervöse Transaktion mit jemandem, den man nicht kannte – nie sicher über Qualität oder Sicherheit", erklärt sie. Heute kauft sie in einem Club mit Amparo – legal, sicher, transparent.

Die Kartelle bleiben ein Problem

Doch das Experiment hat Grenzen. Die mexikanische Regierung kämpft weiterhin gegen Drogenkartelle, die große Teile des illegalen Cannabis-Handels kontrollieren. Ohne Legalisierung und staatliche Regulierung bleibt der Schwarzmarkt stark. 2024 gewährte die Regierung über 500 Lizenzen für industriellen Hanfanbau – aber der Markt für Freizeitcannabis bleibt in der Grauzone.

Das führt zu einem Paradoxon: Mexiko hat Cannabis entkriminalisiert, aber nicht legalisiert. Die Kartelle profitieren weiterhin, weil es keinen legalen, regulierten Markt gibt. Die "Gift Economy" funktioniert in urbanen Zentren wie Mexico City oder Guadalajara – aber auf dem Land herrscht weiterhin das Kartell-Gesetz.

68% fordern echte Legalisierung

Die Bevölkerung hat genug vom Limbo. Laut einer Umfrage von 2025 unterstützen 68% der Mexikaner die vollständige Legalisierung von Cannabis – ein massiver Anstieg von 15% gegenüber 2020. Die Gründe sind klar: Kartell-bedingte Gewalt reduzieren, Steuereinnahmen generieren, therapeutische Nutzung fördern.

Doch der Kongress bleibt gelähmt. Ein Gesetzentwurf zur vollständigen Legalisierung wurde 2021 von der Abgeordnetenkammer verabschiedet – scheiterte aber im Senat. Seitdem ist nichts passiert. Politische Blockaden, Lobbyarbeit der Kartelle und konservative Widerstände verhindern Fortschritt.

Wie geht es weiter?

Mexiko steht an einem Scheideweg. Die aktuelle Situation ist nicht nachhaltig. Die "Gift Economy" funktioniert als Übergangsmodell – aber sie ist keine langfristige Lösung. Ohne staatliche Regulierung bleiben Konsumenten rechtlich unsicher, Steuern werden nicht erhoben, und die Kartelle bleiben stark.

Die Frage ist nicht, OB Mexiko Cannabis vollständig legalisiert – sondern WANN. Der Druck aus der Bevölkerung wächst, die wirtschaftlichen Anreize sind klar, und das Supreme-Court-Urteil zwingt den Staat zum Handeln.

Für Deutschland und Europa ist Mexiko eine Warnung: Cannabis-Legalisierung ohne klare Regulierung führt zu Chaos. Es braucht Gesetze, Kontrollen, Steuern und einen funktionierenden Markt. Sonst entsteht ein Graubereich, der niemandem dient – außer denen, die im Schatten operieren.