Was ist Botrytis cinerea — und warum ist sie anders
Der Killer in der Blüte: unsichtbar, allgegenwärtig, schnell
Botrytis-Sporen sind in jeder Luft. Sie warten nur auf die falschen Klimabedingungen — dann schlagen sie innerhalb von 48 Stunden zu.
Botrytis cinerea ist ein nekrotropher Pilzerreger — das bedeutet er tötet das Gewebe zuerst, um es dann zu zersetzen. Bei Cannabis befällt er bevorzugt dichte Blütenknospen, weil dort die Luftzirkulation schlecht ist, Feuchtigkeit eingeschlossen wird und das organische Material reichlich vorhanden ist.
Das Tückische: Die Sporulation beginnt innen im Bud. Bis graues Pilzmyzel an der Oberfläche sichtbar wird, ist oft ein Großteil der Blüte bereits verloren. Das unterscheidet Botrytis von anderen Schimmelpilzen die an der Oberfläche anfangen.
Optimale Bedingungen für Botrytis (laut Forschung)
| Faktor | Optimum für Botrytis | Sicher-Zone für Grower |
|---|---|---|
| Temperatur | 15–20 °C (Sporenkeimung optimal) | 22–26 °C in der Blüte |
| Luftfeuchtigkeit | >65 % RH | Frühe Blüte: max. 50 % / Spätblüte: max. 40 % |
| Freie Feuchtigkeit auf Gewebe | 8–12 Stunden kontinuierlich | Null Kondenswasser auf Buds |
| VPD | <0,2 kPa verlängert Infektionsdauer | 0,8–1,5 kPa in der Blüte |
Quellen: PubMed (2019): Host and microclimate factors in B. cinerea infection; Frontiers in Plant Science (2020): Biocontrol of Botrytis
Früherkennung — Die Zeichen vor dem grauen Flaum
Wer Botrytis erst sieht wenn der Bud grau ist, hat bereits verloren
Das erste Zeichen ist nicht grauer Flaum — es ist ein einzelnes, welkes Zuckerblatt mitten in einem gesunden Bud.
Frühzeichen erkennen — chronologisch
| Stadium | Was du siehst | Was es bedeutet |
|---|---|---|
| Stage 1 (Früh) | Ein einzelnes Zuckerblatt oder Pistill im Bud verfärbt sich dunkelbraun — obwohl der Bud noch grün wirkt | Myzel hat den Blattstiel oder den Blütenansatz innen befallen |
| Stage 2 | Mehrere braune Pistillen ohne typisches Reifemuster; Bud wirkt "feucht" oder weich an einer Stelle | Aktive Ausbreitung — jetzt sofort handeln |
| Stage 3 | Braunes, weiches, matschiges Gewebe; beim Öffnen des Buds grau-weiße watteähnliche Sporenmasse sichtbar | Vollbefall — dieser Bud ist verloren |
| Stage 4 (Spät) | Grau-brauner Flaum außen sichtbar; muffig-fauliger Geruch | Sporulation aktiv — Nachbarpflanzen gefährdet |
Tägliche Inspektion — so machst du es richtig
Botrytis entwickelt sich schnell. In der Blütephase ist tägliche visuelle Kontrolle Pflicht — besonders wenn die RH hoch war oder Temperaturabfälle in der Dunkelphase stattgefunden haben.
- Zeitpunkt: Morgens, kurz nach dem Licht angeht — dann ist die Luftfeuchtigkeit am höchsten und Frühzeichen am besten sichtbar
- Methode: Jeden Bud von außen auf braune Pistillen oder welke Zuckerblätter prüfen. Verdächtige Buds sanft öffnen und innen inspizieren
- Hilfsmittel: Eine einfache LED-Taschenlampe hilft Verfärbungen in dichten Buds zu erkennen
- Bei Befall: Nicht direkt darüber stehen/atmen (Sporen verbreiten sich durch Atemluft), sofort Scheren holen und handeln
Früherkennung — tägliche Checkliste
- 🔍 Jeder Bud auf einzelne braune/dunkle Pistillen geprüft
- 🔍 Zuckerblätter innen auf ungewöhnliche Verfärbungen gecheckt
- 🔍 Verdächtige Buds sanft geöffnet und auf graues Myzel untersucht
- 🔍 Geruchscheck: muffig-feucht = Alarmzeichen
- 📊 RH und Temperatur der Nacht protokolliert (Risikonächte identifizieren)
Ernte retten — Schadensbegrenzung bei aktivem Befall
Kein Mittel heilt einen befallenen Bud — aber du kannst verhindern dass der Rest verloren geht
Jede Stunde die du wartest, vervielfacht die Sporenmenge in der Luft. Sofort-Chirurgie ist die einzige Antwort.
Schritt-für-Schritt: Botrytis-Chirurgie
| Schritt | Aktion | Warum |
|---|---|---|
| 1 | Lüftung stoppen oder minimieren | Verhindert Sporenverteilung durch Luftstrom während der Arbeit |
| 2 | Hände waschen, Scheren mit 70 % Isopropanol reinigen | Keine Verschleppung auf andere Pflanzen |
| 3 | Befallene Stelle identifizieren — nicht berühren bis Schere bereit | Berühren und Bewegen verteilt Sporen |
| 4 | Min. 3 cm im gesunden Gewebe unter der Befallsstelle abschneiden | Myzel wächst unsichtbar über die sichtbare Grenze hinaus |
| 5 | Abgeschnittenes Material sofort in Plastikbeutel — verschließen | Kein offenes Pilzmaterial im Grow-Raum |
| 6 | Scheren sofort nach jedem Schnitt re-desinfizieren | Jeder Schnitt ist potenziell ein neuer Infektionsweg |
| 7 | Schnittfläche an der Pflanze mit Bacillus subtilis-Suspension behandeln | Verhindert Neuinfektion an der offenen Schnittstelle |
| 8 | Lüftung auf Maximum, RH aggressiv senken | Sporulation und Ausbreitung verlangsamen |
| 9 | Alle Nachbarpflanzen im 1m-Radius sofort inspizieren | Sporen sind bereits in der Luft |
Befallene Buds abzupfen und auf dem Grow-Boden liegen lassen. Befallenes Material im Grow-Raum offen lassen. Nass sprühen nach dem Entfernen (erhöht RH). Schimmliges Cannabis trocknen in der Hoffnung dass es "sich gibt" — tut es nicht.
Notfall-Ernte: Wann ist es sinnvoll?
Wenn mehr als 20–30 % der Buds einer Pflanze befallen sind und die Blütephase noch 2+ Wochen geht: Notfall-Ernte erwägen. Eine frühgeerntete Pflanze mit 70 % Wirksamkeit ist besser als eine vernichtete. Gesunde Buds der infizierten Pflanze sofort nach dem Schnitt trocknen — separat vom restlichen Grow.
Der Klima-Schutzwall — VPD und RH als Werkzeuge
Botrytis ist eine Klimakrankheit. Wer das Klima kontrolliert, kontrolliert Botrytis.
Kein Pestizid der Welt ist wirksamer als 40 % RH in der Spätblüte.
🌡️ RH-Zielwerte nach Blütephase
| Blütephase | RH-Ziel | Risiko |
|---|---|---|
| Woche 1–3 (Early Bloom) | 45–55 % | Niedrig |
| Woche 4–6 (Mid Bloom) | 40–50 % | Mittel — Buds werden dichter |
| Woche 7–9 (Late Bloom) | 35–45 % | Hoch — maximale Bud-Dichte |
| Letzte 2 Wochen (Flush) | 30–40 % | Kritisch — Botrytis-Hochrisikozone |
VPD verstehen — der unterschätzte Wert
VPD (Vapor Pressure Deficit = Sättigungsdefizit der Luft) gibt an, wieviel Wasser die Luft noch aufnehmen könnte. Niedriger VPD bedeutet: die Luft ist fast gesättigt, Pflanzen transpirieren kaum, freie Feuchtigkeit bleibt auf Blattoberflächen stehen. Genau das liebt Botrytis.
VPD-Ziel in der Blüte: 0,8–1,5 kPa. Unter 0,5 kPa: hohes Botrytis-Risiko. Formel: VPD = SVP (Sättigungsdampfdruck bei aktueller Temp.) × (1 - RH/100). Die meisten modernen Hygrometer zeigen VPD direkt an.
Klima-Fehler die Botrytis begünstigen
- Temperaturabfall in der Dunkelphase: Warme, feuchte Luft kühlt ab → Kondenswasser auf Buds. Dunkelphase sollte max. 5–8 °C kühler sein als die Hellphase
- Schlechte Luftzirkulation: Stagnante Luft in dichtem Blätterwerk = lokale Feuchtigkeitsinseln. Oscillating Fan direkt auf den Canopy
- Zu dichtes Blätterdach: Lollipop- oder Defoliation-Schnitte in Woche 3–4 der Blüte verbessern den Luftfluss dramatisch
- Gießen abends: Pflanzen transpirieren weniger in der Dunkelphase — Substrat bleibt feucht, Luftfeuchtigkeit steigt. Morgens gießen.
Klima-Checkliste (täglich)
- ✅ RH max. 50 % in früher Blüte, 40 % in Spätblüte
- ✅ VPD zwischen 0,8 und 1,5 kPa
- ✅ Dunkelphase max. 7 °C kühler als Hellphase (kein Kondensrisiko)
- ✅ Aktiver Luftstrom direkt auf den Canopy (Oscillating Fan)
- ✅ Morgens gießen — nicht abends
- ✅ Defoliation in Woche 3–4 der Blüte für bessere Luftzirkulation
Biologische Prävention — der zweite Schutzwall
Bacillus subtilis und Trichoderma bauen eine mikrobielle Immunabwehr auf
Das Rhizom deiner Pflanze und die Blütenoberfläche können mit nützlichen Mikroorganismen "besetzt" werden — die dann für dich die Wache halten.
Bacillus subtilis — der Botrytis-Killer
Bacillus subtilis ist ein Bodenbakterium das Iturin A und Surfactin produziert — Lipopeptide die Zellmembranen von Pilzsporen zerstören. Mehrere Studien belegen die Wirksamkeit gegen B. cinerea an Weintrauben und anderen Kulturen. Als Blattspray prophylaktisch eingesetzt (alle 7–10 Tage), kolonisiert es die Blütenoberfläche und verdrängt Botrytis-Sporen.
Anwendung: Fertigpräparate (z.B. Serenade ASO, Rhizo Vital) nach Herstellerangabe verdünnen, abends sprühen (nicht in der Hellphase). Wichtig: In der Spätblüte (letzte 3 Wochen) nicht mehr sprühen — Restfeuchtigkeit auf Buds erhöht Botrytis-Risiko mehr als der Schutz nützt.
Trichoderma harzianum — der Wurzelwächter
Trichoderma harzianum wirkt als Bodenpilz der Botrytis-Sporen im Rhizombereich parasitiert und verdrängt. Im Substrat eingearbeitet stärkt es die systemische Pilzresistenz der Pflanze. Nicht gegen bereits aktiven Blütenbefall — aber als vorbeugender Substrat-Zusatz sehr effektiv.
Biologische Prävention — Zeitplan
- ✅ Trichoderma harzianum bei Substrat-Vorbereitung einarbeiten
- ✅ Bacillus subtilis ab Blütebeginn alle 7–10 Tage sprühen (bis Woche 6)
- ✅ Ab Woche 7 der Blüte: kein Blattspray mehr — nur Klimakontrolle
- ✅ Bei Schnitt-Wunden nach Botrytis-Chirurgie: verdünnte Bacillus subtilis-Suspension auftragen
Outdoor-Botrytis — die deutschen Herbste sind das Problem
Outdoor kann man die Luftfeuchtigkeit nicht kontrollieren — aber man kann sie kompensieren
In Deutschland regnet es in Oktober. Wer Photoperiod-Sorten mit 10+ Wochen Blütezeit outdoor kultiviert, spielt russisches Roulette mit Botrytis.
Das Outdoor-Botrytis-Fenster in Deutschland
Deutscher Herbst bedeutet: Temperaturen fallen auf 10–16 °C, Luftfeuchtigkeit steigt auf 70–90 %, Regenphasen werden länger. Das ist exakt das Botrytis-Optimum. Die meisten Photoperiod-Sorten blühen in Deutschland von August bis Oktober — genau in diesem Risikofenster.
Outdoor-Strategien gegen Botrytis
- Sortenauswahl ist alles: Sorten mit lockerer Bud-Struktur, früher Blütezeit (<8 Wochen) und expliziter Schimmelresistenz-Angabe wählen. → Das Outdoor-Protokoll 2026 für Sortenempfehlungen
- Ernte-Timing vorziehen: Lieber 5–7 Tage zu früh ernten als in den Oktober-Regen zu laufen. Ein leicht unreifer Bud ist besser als ein schimmliger
- Folientunnel / Regenabdeckung: Ab August installieren. Ein einfacher Folientunnel hält den Bud trockener und verlängert das sichere Erntefenster um 2–3 Wochen
- Lollipop + Defoliation: Die unteren 30–40 cm der Pflanze entblättern — verbessert Bodennähe-Luftzirkulation und verhindert Feuchtigkeitsakkumulation
- Morgenroutine: Tau auf Buds morgens mit sanftem Fächer oder Tuch entfernen. Jede Stunde Restfeuchtigkeit auf dem Bud ist Botrytis-Zeit
- Bacillus subtilis prophylaktisch: Ab August alle 7 Tage sprühen (abends), bis 3 Wochen vor Ernte
Outdoor-Checkliste (August–Oktober)
- ✅ Folientunnel oder Regenabdeckung ab August installiert
- ✅ Täglich morgens: Tau auf Buds checken und entfernen
- ✅ Wöchentlich: Bacillus subtilis Blattspray (bis 3 Wochen vor Ernte)
- ✅ Lollipop-Schnitt ausgeführt für bessere Luftzirkulation
- ✅ Ernte-Fenster definiert: spätestens Ende September (Photoperiod), Juli–August (Autoflower)
- ✅ Bei Regen: Folientunnel geschlossen, nach dem Regen Luftzirkulation erhöhen